Warum wird die Maracuja als Passionsfrucht bezeichnet? Schon wieder ein Marketing-Trick?

Das Wort „Maracuja“ wird ins Englische recht eigenwillig übersetzt – passion fruit. Das bedeutet „Frucht der Leidenschaft“ (Passionsfrucht). Was hat Biologen – Wissenschaftler – dazu bewogen, diese bildhafte Metapher als offizielle Bezeichnung für eine ganze Pflanzengruppe zu übernehmen? Lassen Sie es uns herausfinden.

Reife Maracuja auf einem Teller

Versuchen wir, logisch zu denken

Eine intuitive Erklärung liegt nahe – angeblich sind die Früchte der Maracuja so köstlich, dass man sich nach dem ersten Probieren nur schwer von einer erneuten Verkostung zurückhalten kann. Man möchte immer wieder den explosiven Geschmack und das Aroma des saftigen Fruchtfleisches erleben und alles andere vergessen.

Oder wird die Maracuja, wie viele andere tropische Früchte, als Aphrodisiakum angesehen? Hier wäre das Wort „Leidenschaft“ doch angebracht. Aber nein – das sind nur Volksmärchen, die leider von Wissenschaftlern nicht bestätigt wurden (und die haben es überprüft!).

Die richtige Antwort findet man, wenn man in etymologischen Wörterbüchern, botanischen Nachschlagewerken und längst vergessenen historischen Aufzeichnungen gräbt. Es stellt sich heraus, dass an der Bezeichnung „Passionsfrucht“, die in mehreren Sprachen verankert ist, Christen beteiligt waren!

Früchte, Blätter und Blüte der Maracuja

Labyrinthe der Etymologie

Nun der Reihe nach.

Das werden Ihnen Biologen sagen:

Maracuja (Passionsfrucht) – so heißen die Früchte mehrerer Lianenarten der Gattung Passiflora. Diese Gattung hat auch einen anderen Namen – Passionsblume. Alle Lianen der Gattung Passiflora (Passionsblume) gehören zur Familie der Passionsblumengewächse.

Das werden Ihnen Historiker sagen:

Im 16. Jahrhundert gelangten Pflanzen der Gattung Passiflora, die damals ausschließlich in den Ländern der fernen Neuen Welt wuchsen, erstmals nach Europa. Sie wurden damals keineswegs wegen ihrer Früchte geschätzt, die eine so lange Transportzeit einfach nicht überstanden hätten. Nein, der Grund war ein anderer: Die Passiflora hat atemberaubend schöne Blüten. Hell, exotisch, sie beeindruckten die Vorstellungskraft der Europäer, die an die unscheinbaren Pflanzen ihrer Breitengrade gewöhnt waren. Zuerst brachten tapfere Reisende sie getrocknet zwischen Buchseiten mit, und später, als auch Samen in die Alte Welt gelangten, versuchten einheimische Gärtner, tropische Lianen in Gewächshäusern zu ziehen. Über die Blütephase hinaus kam es selten – für den Anbau solcher Pflanzen braucht man besonderes Geschick.

Blüte der Passiflora

Es ist erwähnenswert, dass es damals noch keinen Namen „Passiflora“ gab. Diese Lianen wurden damals Granadillas genannt (aus dem Spanischen übersetzt – „kleiner Granatapfel“).

Im 17. Jahrhundert gelangte das Bild einer wundersamen Granadillablüte in die Hände eines bekannten italienischen Katholiken – Giacomo Bosio. Der Geistliche, der bereits im siebten Lebensjahrzehnt stand, betrachtete sie aus einem anderen Blickwinkel und erkannte nicht ihre Schönheit, sondern ihren Symbolismus. Inspiriert von der Suche nach der göttlichen Vorsehung in dieser exotischen Blume, widmete er ihr einen ganzen Vortrag mit dem Titel „Della Trionfante e Gloriosa Croce“.

Die Hauptthese von Giacomo Bosios Werk lautet: Die Granadillablüte ist die Verkörperung der Leiden Christi. Der äußere Blütenkranz symbolisiert die Dornenkrone, und die 72 Fäden des inneren Kranzes die Anzahl ihrer Dornen. Die Narben des Stempels sind die Nägel, mit denen die Hände und Füße des Erlösers an das Kreuz geschlagen wurden, die Staubblätter hingegen sind die fünf Wunden, die Seinem Körper zugefügt wurden. Und selbst die Drüsen, die man auf der Rückseite des Blattes findet, betrachtete Giacomo als die 30 Silberlinge, die Judas für seinen Verrat erhielt.

Was für eine Fantasie dieser alte Mann doch hatte! Wahrscheinlich ist diese Geschichte ein weiterer Anlass, darüber nachzudenken, dass jeder Mensch in den Dingen um ihn herum das sieht, was er sehen möchte. Wie dem auch sei, Bruder Giacomo war ein angesehener Mann, und die Botaniker hörten auf seine Meinung, indem sie die Gattung der Lianen als „Passiflora“ bezeichneten (lat. passio – Leiden und flos – Blume).

Die Blüte der Passiflora

Was Linguisten dazu sagen werden:

In vielen Sprachen sind die Wörter „Leidenschaft“ und „Leiden“ eng miteinander verwoben. Auch im Deutschen sind die „Leiden Christi“ die Leiden des Erlösers.

In der deutschsprachigen Fachliteratur wird anstelle des Begriffs „Passiflora“ die Bezeichnung „Passionsblume“ verwendet. Dies ist eine Lehnübersetzung des lateinischen „passiflora“, also eine wörtliche Übersetzung. Wie man sieht, hat das Wort „Passion“ viele sprachliche Grenzen und zeitliche Meilensteine durchquert. Welch ein Witz – ganze fünf Jahrhunderte!

Eine Frau isst Maracuja

Kehren wir in die Gegenwart zurück

„Kinder des 21. Jahrhunderts, euer neues Zeitalter hat begonnen“… Mitbringsel aus der Alten Welt, religiöse Fantasien von Katholiken und die Sehnsucht angesehener Biologen nach schönen Metaphern erscheinen heute nicht mehr als alte Legenden. Doch findige Händler lieben es noch immer, Kunden mit auffälligen Namen zu ködern. So wird Maracuja oft als „Passionsfrucht“ beworben. Sicherlich wird man Ihnen auch ein „verspieltes Gemüt“, ein „Dessertvergnügen“ andeuten und auf einen angenehmen Abschluss eines romantischen Abendessens anspielen. Nun, warum sollte man sich dieser Gedankenrichtung nicht hingeben? Denn in jedem Fall ist Maracuja eine köstliche Frucht mit einem betörenden tropischen Aroma, die jeder einmal probieren sollte!

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